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Weltenvorstellung Tag 4: Morag

 

Beim Aussuchen des Beitragsbildes habe ich an die dunkle Seite der Morag gedacht und wie schnell sie zu einer nur schwer aufhaltbaren Macht werden können. Aber alles der Reihe nach. Wie ihr bestimmt noch wisst, gab es da so ganz fiese Experimente von Sanmaren an Sanmaren. Herauskamen widernatürliche Mischwesen aus den meist unwilligen Opfern und den sehr willigen Xaovoun. Diese Mischwesen standen anfangs auf der Seite ihrer Schöpfer. Kontrollmechanismen, wie sie bei den Jaotaren zum Einsatz kamen, machten es möglich. Allerdings versagten diese irgendwann, wurden beschädigt oder anderweitig außer Betrieb gesetzt. Ab da brach bei den Betroffenen ein innerer Kampf aus. Die Präsenz des mit dem Träger verschmolzenen Xaovoun wollte genauso den Ton angeben wie der unglückliche Sanmare. Die geistige Stärke der jeweiligen Seite entschied über den Ausgang und bestimmte nach dem Krieg das weitere Einzelschicksal.

 

Außer Kontrolle geratene Mischwesen wurden vernichtet. Die anderen erfuhren die Gnade der Shivoun, die sich dafür entschieden, den sanmarischen Teil, der für die Verschmelzung meist nichts konnte, nachsichtig zu behandeln. Gleichzeitig sollten sie eine lebende Mahnung an alle anderen Völker sein. Für die Zeit ihres noch andauernden Lebens schwächten die Shivoun den Einfluss des Xaovounteil ab. Magie macht so einiges möglich, aber manchmal nicht alles. Die Verschmelzung konnte nicht rückgängig gemacht werden und stellte sich später sogar als ständiger Wegbegleiter für die Nachkommen heraus. So entstanden die Morag, das den Sanmaren noch ähnlichstem gebliebene Volk auf Kataria.

 

Unterschiede gibt es hinsichtlich der Hautfarbe, die wird durch den dunklen Teil ihres Selbst bestimmt. So sind die Morag von schwarzer bis anthrazitfarbener

Erscheinung, gelegentlich mit einem violetten oder bläulichen Schimmer

versehen. Die Haare und Augen stechen farblich hervor. Vertreten sind bei den

Augen die Farbvarianten gelb bis grün, die der Haare von weiß über beige bis

schwarz. Selten kommen silberblaue Augen und Haarfarbe in strikter Kombination vor. Sie nur bei den Schattenläufern der Morag zu finden und künstlich herbeigeführt. Der Grund ist eine magische Verstärkung gegenüber ihrer dunklen Seite. Schattenläufer sind die Elite der Morag und kommen sehr intensiv mit dem verdorbenen Makra in Kontakt.  

 

In meinen Romanen haben sie den einen oder anderen spektakulären Auftritt. Anhand eines noch unlektorierten Textschnipsels aus Band 3, der sich noch in Arbeit befindet, möchte ich euch zeigen, wie fragil das innere Gleichgewicht eines Morag ist. Entsprechend vorbereitet auf solch einschneidende Ereignisse ist auch ihre Gesellschaft, was natürlich die Kultur und den Charakter jedes

Individuums mitprägt. Den ganzen Steckbrief zu den Morag findet ihr unter https://www.rike-moor.de/2016/08/12/morag/ 


 

genau in dem Moment spürte Yriiel verdorbenes Makra hinter sich. Allem voran entsprang ein silberblaues Blitzen der schwarzen Verwirbelung, das er nur grob aus den

Augenwinkeln heraus wahrnahm. Dennoch war es für ihn unverkennbar.

   „Ajuuri, hinter dir!“, schrie Yriiel und wirbelte geistesgegenwärtig herum.

   Sein Stab sauste von oben zwischen ihr und dem Angreifer nieder, wirkte dem tödlichen Streich entgegen, der zeitgleich erfolgte. Eine der Runenklingen fiel begleitet von

einem schmerzhaften Aufschrei zu Boden. Ajuuri hechte nach vorne, außer Reichweite einer neuerlichen Attacke. Sofort nahm Yriiel ihre Position ein, musste jedoch einem weiteren Streich ausweichen und wurde so um einige Schritte nach hinten gedrängt. Dabei erkannte er erstaunt, dass ihn eine Frau attackierte. Der Schein des Vollmondes offenbarte ihre Statur und das vom silberblauen Haar umspielte Gesicht. Ihr eiskaltes Funkeln in den gleichfarbigen Augen verhieß nichts Gutes. Sie wollte ihn töten, genauso wie zuvor Ajuuri.

   Doch so schnell hatte Yriiel nicht vor zu sterben. Die Schattenläuferin würde für ihr Vorhaben dicht an ihn heranmüssen und das wollte er für sich nutzen. Es genügte ein

Gefühl von Lebensgefahr, um die mit ihm auf symbiotische Weise verwachsene Ranke

in Alarmbereitschaft zu versetzen. Er spürte ein altbekanntes Kribbeln in Armen

und Oberkörper. Die Pflanze mobilisierte ihr Gift.

   Sein Zutun beschränkte sich bloß auf ein lange einstudiertes stummes Signal. In Windeseile bildeten sich Kapseln entlang seiner Arme. Lächelnd konterte Yriiel derweil einen weiteren Vorstoß mit der Runenklinge. Sie schabte geräuschvoll am Holz seines

Stabes entlang.

   „Lach, solange du noch kannst. Gleich ist es vorbei“, raunte ihm die Schattenläuferin

siegessicher zu.

   „Genau, gleich ist es vorbei“, erwiderte er im selben Tonfall und irritierte sie für einen

winzigen Augenblick.

   Unter mehrfachem Knacken platzten die Kapseln auf. Giftige Sporen sprühten als feiner Nebel in ihre Richtung. Die Schattenläuferin wich zwar geistesgegenwärtig zurück, aber

atmete dabei tief ein. Sie hustete. Das Gift wirkte stets schnell und betäubend. Doch um kein Risiko einzugehen, hatte Yriiel sich einer besonders starken Dosis bedient, die sogar einen immunisierten Manori außer Gefecht setzen und bei diesem Gegner tödlich enden durfte.

   „Du ... verdammter ...“ Eine Hand vor dem Mund haltend wich sie schwer atmend weiter vor ihm zurück. Yriiel dagegen stand nur da und wartete ab. Ein unnötiges Risiko musste

er jetzt nicht mehr eingehen. „So leicht ... bin ich nicht ... zu töten und wenn ... ich sterbe ... dann stell dich meinem Schatten.“

   Schlagartig fiel ihm ein, was Arlen einst im Außenposten über die Besonderheit der Morag erzählt hatte. Yriiel entgleisten die Gesichtszüge. Er erkannte, einen Fehler gemacht

zu haben. Doch noch ehe er diesen bedauern konnte, zischte ein Pfeil seitlich an

ihm vorbei.

   „NEIN!“, stieß er voller Entsetzen aus.

   Auf Höhe des Herzens bohrte sich die Pfeilspitze in die Brust der Schattenläuferin. Sie ging zu Boden und blieb regungslos liegen.

   „Was, nein?!“, fuhr Ajuuri ihn beim Nähertreten ungehalten an. „Sie wollte uns töten, nun hat sie es erwischt. Dein Gift war mir zu langsam.“

   „Dafür haben wir jetzt ein viel größeres Problem“, erwiderte Yriiel keuchend und deutete nach vorne, ohne den Blick abzuwenden. Er wusste nicht, was er erwartete aufgrund seiner Befürchtung zu sehen, aber ganz bestimmt nicht das. Wie schwarzes Blut umhüllt von einem vagen violettenen Schimmer quoll das verdorbene Makra aus jeder Pore des Leichnams und umhüllte diesen. Gleichsam spürte er nicht nur die damit verbundenen Schmerzen, sondern blanke Angst. Aber es war nicht seine, sondern die von Shkar.

   „Maujakdreck“, hörte er Ajuuri fluchen.

   Sie wich bereits zurück, während Yriiel wie angewurzelt stehen blieb. Irgendetwas sagte ihm, dass sie nicht einfach so entkommen konnten. Xaovoun waren wie Shivoun, überaus

mächtig, aber nicht unbesiegbar. Seine Gedanken überschlugen sich im selben Maße wie das dunkle Wesen allmählich Gestalt annahm, das schmerzhafte Prickeln seinen Körper malträtierte und seine Gefühle seiner Bemühung, einen Ausweg zu finden, entgegenwirkten.

   „Yriiel!“

   Ajuuris Ruf prallte an ihm ab, wie ein aus weiter Ferne stammendes Echo.

   Magie bekämpft Magie, schoss es ihm durch den Kopf.

   Nur half ihm dieses Wissen gerade nicht weiter. Er besaß kein reines Makra und hätte es vermutlich auch nicht anwenden können. Seine Stärke war der körperliche Kampf mit einer

Waffe in den Händen. Yriiel hielt gedanklich inne, sein Blick glitt zur Runenklinge, die noch in der Hand der toten Schattenläuferin lag. Das silberblaue Glühen hatte eine beträchtliche Stärke angenommen. Auffallender als das war jedoch, wie der sich sammelnde Xaovoun die Nähe der Waffe mied. Die Runen am Wall des Außenposten und innerhalb fielen Yriiel wieder ein, ebenso  wie es Arlen geschafft hatte, den Totenbeschwörer letztlich am Ausüben seiner abscheulichen Magie zu hindern.

   Jetzt oder nie, dachte er fest entschlossen, ließ seinen Stab fallen und hechtete vorwärts.

Das dunkle Geisterwesen bemerkte seine Gegenwart. Rankendicke Tentakel schossen wie Speere aus dessen unvollkommenen Körper hervor und direkt auf ihn zu. Den ersten

beiden entkam Yriiel noch, der nächste Tentakel streifte seinen Arm. Er schrie auf, warf sich zur Seite und entging so weiteren Treffern. Gekonnt rollte er sich ab, genau auf den Leichnam zu. Neben und hinter ihm schlugen die speerförmigen Tentakel, die am anderen Ende noch mit dem Xaovoun verbunden waren, in den Boden ein und verfärbten die besudelte Fläche schwarz.

   Die Runenklinge lag jetzt in Reichweite. Ungeachtet des brennenden Schmerzes in seinem Waffenarm griff Yriiel zu und vollzog mit der Schneide einen bogenförmigen Hieb

über seinen Kopf. Ein sauberer Schnitt durchtrennte die magischen Auswüchse. Die

Stummel schnellten zurück und verschmolzen wieder mit dem Xaovoun. Die vorderen

Enden fielen zu Boden und lösten sich auf. Eines streifte dabei die Außenseite seines anderen Arms. Der neuerliche Schmerz zwang Yriiel auf die Knie, ihm wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Sein Griff lockerte sich.

   Um ein Haar wäre ihm die Runenklinge entglitten, doch Skhars geistige Gegenwart erfüllte ihn mit neuer Stärke. Dessen vorherige Panik war Vertrauen gewichen. Die Zähne

zusammenbeißend stand Yriiel auf, mit ihm der Xaovoun, der die tote Schattenläuferin gänzlich umschloss und als Wirtskörper nutzte. Sie standen einander nun genau gegenüber.

   Du kannst mich nicht vernichten. Du wirst sterben, so oder so, echote es verzerrt in seinem Schädel, dass es schmerzte.

   Nur zu gerne hätte Yriiel nun zugestochen, aber seinen eigenen Tod wollte er nicht

besiegeln. Die magischen Attacken des Xaovoun waren schnell und je näher er ihm

kam, desto weniger Zeit blieb ihm, um auszuweichen.

   „Ach ja? Das will ich sehen“, erwiderte Yriiel herausfordernd, richtete die runenbewehrte

Schneide direkt auf sein Gegenüber und hielt sich den Xaovoun damit vorerst vom

Leib. „Komm, trau dich. Du wirst mich schon holen müssen, wenn ich sterben soll. Aber dazu musst du an dieser Klinge vorbei. Ich weiß sehr genau, wozu sie gut ist.“

   Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber sein Wissen war ausreichend, weshalb es ihm nicht schwer viel, überzeugend zu klingen. Als Reaktion darauf blitzte unter

der magischen Hülle das bleiche Antlitz der Toten auf. Die Gesichtszüge des Xaovoun überschatteten die ihren. Eine grässliche Fratze mit schwarz verfärbten Augen blickte ihm wütend entgegen. Entweder hatte er einen wunden Punkt getroffen oder sein Gegner versuchte, ihn zu verunsichern. Yriiel glaubte an Letzteres, zumal kein sofortiger Angriff erfolgte. Stattdessen belauerte der Xaovoun ihn.

   Beschäftige ihn.

Shkars Stimme hallte so plötzlich in seinen Gedanken wider, dass er für die Dauer eines

Wimpernschlages unaufmerksam war. Sofort schnellte ein Tentakel verdorbenen Makras auf ihn zu. Keuchend riss Yriiel die Runenklinge hoch und konterte den Angriff eine Handbreit vor seiner Brust. Die magische Energie prallte gegen die silberblau glühende Schneide und löste sich leise zischend auf, ganz so als würde sie verdampfen. Ein durch Mark und Bein gehender, abscheulicher und widernatürlicher Schrei erfüllte von einem Moment auf den anderen seinen Geist. Reflexartig kniff Yriiel die Augen etwas zusammen. Erleichterung erfuhr er dadurch keine, aber gerade noch so eine Bewegung am Rande seiner Sicht wahr.

   Ajuuri, dachte er besorgt, was tust du da?

   Auch der Xaovoun bemerkte sie und fuhr zu ihr herum. Zeitgleich ertönte Shkars Stimme.

   Jetzt. 

   Ohne nachzudenken, stach Yriiel zu, ließ los und wich ein paar Schritte nach hinten zurück. Von der anderen Seite tat Ajuuri dasselbe. Am Körper des Xaovoun entstanden tentakelartige Auswüchse, allerdings zu spät. Zwei Klingen durchbohrten ihn, bevor sie hervorschießen konnten. Ein silberblau gleißendes Licht bahnte sich seinen Weg von innen nach außen. Der Xaovoun löste sich mit einem ersterbenden Kreischen auf. Blutüberströmt sank daraufhin der durchbohrte Leib der Schattenläuferin zu Boden und Yriiel erschöpft auf die Knie. 


Morgen begegnen wir noch den Nasren und Nasrime, ehe ich euch abschließend ein paar Kleinigkeiten über die nächsten Bände (3+4) der Kataria-Reihe verrate.