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Weltenvorstellung Tag 3: Das Schattenreich und die Lichtlande

Wie ich bereits angekündigt habe, sind die Voun nicht für immer verbannt. Das war bestimmt so nicht vorgesehen, aber es kommt meistens eh anders, als man denkt. Für ihre Rückkehr sind die Drakkaren und Sanmaren gleichermaßen verantwortlich. Aber beginnen wir dort, wo für die Voun dieser Schicksalsweg anfing, bei ihrer Verbannung.

 

Das Schattenreich ist das Exil der zerstörerisch veranlagten Voun, während die Lichtlande die neue Heimat der Voun geworden ist, die sich der Schaffung neuen Lebens verschrieben hatten und es dabei ziemlich übertrieben. Beide Orte sind der materiellen Welt entrückt, sodass ihre neuen Bewohner keinen Einfluss auf Kataria hatten, aber dennoch mit ihr auf magische Weise verbunden waren. Das Schattenreich und die Lichtlande sind nur Abbilder, nichts existiert dort wirklich. Man könnte sagen, sie sind die andere Seite eines Spiegels und gehorchen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten.

 

Meine Protagonistin Nairi durfte in Band 1 „Im Schatten des Jaotar“ die Schattenlande unfreiwillig kennenlernen. Beachtet bitte, dass die Romane zu einem anderen Zeitpunkt spielen. Ich möchte euch aber diese Erfahrungen nicht vorenthalten.  


 

   Ein weiteres Mal in dieser Nacht spürte sie das verdorbene Makra. Das anfangs

unangenehme Prickeln entwickelte sich rasant zu intensiven Schmerzen. Der

Ursprung dessen war ein neu aufgetauchtes schwarzviolett glühendes Gebilde.

Ohne anzuhalten oder gar langsamer zu werden, gingen die Fremden mit Nairi

darauf zu. Einer nach dem anderen verschwand darin.

   »Nein, bitte nicht ... nicht da rein«, rief sie entsetzt.

   Nairi wollte sich losreißen, doch vergebens. Ihr Häscher hielt sie eisern fest. Er

sah sich nicht einmal nach ihr um und ignorierte die vehemente Gegenwehr, ganz so, als würde sie nicht existieren. Schließlich erreichte der fahlweiße Krieger die Ansammlung verdorbenen Makras, ging hindurch und mit ihm Nairi. Ihre Haut schmerzte beim Durchschreiten, als würde sie ein unsichtbares Feuer verzehren. Diese Empfindung dauerte wenig länger als einen Atemzug, kostete sie jedoch beinahe ihr Bewusstsein. Heftig atmend kam Nairi abgekämpft auf der anderen Seite an, sah zunächst alles verschwommen und spürte kaum, dass sie noch ein paar Schritte mitgezerrt wurde …

 

   … verwundert schweifte ihr Blick umher. Die Fremden fügten sich hervorragend in diese merkwürdige Gegend ein, die ein einziges Schauspiel aus Licht und

Dunkelheit darstellte. Schattenhafte Abbilder erhoben sich zu allen Seiten. Sie

glichen auf abstruse Weise der Umgebung des Dschungels. Immer wieder

verschwammen die Umrisse und erweckten so den Eindruck, als würden sie einen schaurigen Tanz aufführen. Ähnlich und doch anders verhielt es sich mit dem Boden unter ihren Knien und Händen. Es gab keine Unebenheiten, wenngleich optisch welche existierten … 


 

Die Verbannung hatte schwerwiegende Folgen für die Voun. Sie wurden dadurch ihres göttlichen Funkens beraubt und unterliegen seither den Gesetzen der Magie. Magische Energie, das Makra wie die Sanmaren es nannten, strebt nach

Ausbreitung und durchströmt dabei alles Stoffliche und Nichtstoffliche. Da die

Voun daraus bestehen, hatten sie nun ein riesiges Problem. Sie verteilten sich

sozusagen über ihr gesamtes Exil, bis nur noch ihr Kern übrig blieb, das was

bei sterblichen Lebewesen die Seele genannt wird. Dieser Nachteil band sie

Jahrhunderte um Jahrhunderte an ihr Exil. In dieser Zeit strömte jedoch

weiteres Makra durch die magische Verbindung zwischen den Exilen und Kataria zu ihnen hinein. Irgendwann reichte es aus, ihre Welt gänzlich zu erfüllen und ihnen wieder eine Form zu verleihen. Gleichsam erfuhren auch die Voun eine Weiterentwicklung. Sie wurden zur Personifizierung ihrer einstigen Aufgabe. Nach ihrer Rückkehr auf die Welt wurden sie als Shivoun und Xaovoun bekannt.

 

Mit ihrer Entwicklung ging auch eine Veränderung ihrer magischen Energie einher. Man kann sie am besten wie die zwei Pole eines Magneten beschreiben, die eine eigene Grundeigenschaft besitzen nur mit dem Unterschied, dass sie einander neutralisieren. Die Völker Katarias reden größtenteils von verdorbenem und reinem Makra.

 

Das Aufeinanderprallen dieser gewaltigen Macht erlebte Yriiel – mein zweiter Protagonistin – in Band 2 „Die schwarzen Steine“. Auch hier gilt die zeitliche Einordnung wie oben schon erwähnt. 


   Einen Wimpernschlag später lösten sich die Runen mit einem grellen silberblauen Blitz auf. Der Bereich, den sie bis eben noch kreisförmig umgaben, färbte sich schlagartig schwarz wie nach einem Flächenbrand. Sofort spürte Yriiel einen überwältigenden Schmerz, der ihn an das erinnerte, was er in der Nacht bei Jharuuns Erweckung empfunden hatte. Wie zu diesem Zeitpunkt schon zwang es ihn auch jetzt wieder auf die Knie. Seine Sicht verschwamm. Nur vage bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass es den anderen ähnlich ergangen war.

   Lediglich Arlen blieb davon gänzlich unbeeindruckt stehen, hob seine Klinge und setzte sich in Bewegung. Weit kam er nicht. Ein gelbgrünes Licht erschien plötzlich über ihnen und breitete sich über die gesamte Fläche aus, die zuvor vom Runenkreis umgeben gewesen war. Davon geblendet schloss Yriiel die Augen und hob eine Hand schützend vor sein Gesicht. Gleichzeitig durchflutete ihn das Licht. Die damit verbundene Empfindung glich einem wahren Hochgefühl. Weder Schmerzen noch Zweifel hielten der aufziehenden Ruhe und Geborgenheit stand, die jede Faser seines Körpers und jeden Winkel seines Geistes erfüllten.

   Langsam öffnete Yriiel wieder seine Augen, ließ seine Hand sinken. Der grelle

Lichtschein war verschwunden. Umgehend verschaffte er sich einen Überblick über die Lage. Mit wachsender Ehrfurcht erkannte er drei strahlende Gestalten. Sie standen dem Totenbeschwörer und den beiden untoten Schamanen direkt gegenüber. Yriiel lief ein heißkalter Schauer über den Rücken.

   Nie im Leben hätte er gedacht, einmal einem Shivoun zu begegnen und nun waren gleich drei von ihnen erschienen. Dumpf drangen erboste Aufschreie an seine Ohren und rissen ihn aus seiner Verwunderung. Zugleich nahm Yriiel die geballte Macht des verdorbenen Makras wahr. Es entströmte nun den drei schwarzen Steinen und manifestierte sich in ähnlich schemenhafter Form wie die Shivoun, die schützend vor den Manori standen.

   Xaovoun, echote es erkennend in seinen Gedanken.

   Unmittelbar vor diesen bösartigen Geisterwesen entbrannte schwarzviolettes Feuer. Es schlug den Shivoun entgegen. Doch ihre Beschützer hielten die Flammen mit einem Schild gelblich grünen Lichts auf, sodass nichts weiter als eine unangenehme Empfindung zu Yriiel und seinen Leuten vordrang. Dort, wo die beiden magischen Extreme aufeinanderprallten, gab es eine Explosion silberblauen Lichts ... 


Im nächsten Beitrag erfahrt ihr, wie es die Shivoun und Xaovoun zurück nach Kataria schafften. Da ist nämlich so einiges passiert.

 

 

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