CharakterofSeptember2018-Challenge Tag 16 bis 19

 

Nachdem wir letztes Mal so ausufernd über das Schulsystem geredet haben und ich zu keiner anderen Frage mehr kam, dreht sich heute alles um Familie und Freunde.

 

Wofür seid ihr euren Eltern dankbar?

   »Eigentlich für alles«, antwortet Yriiel, »aber gang besonders dafür, dass sie immer hinter mir stehen, wenn es darauf ankommt. Sie sind immer da, haben ein offenes Ohr. Meine Mutter ist sehr liebe- und verständnisvoll, während mein Vater mehr auf Autorität setzt. Aber ich kann mich auf beide verlassen. Das gibt mir Kraft.«

 

  Verlegen schaut Nairi einen Moment lang nach Yriiels Worten zu Boden. Ihr ist anzusehen, was sie in ihrer Kindheit vermisst hat. Schließlich schaut sie wieder auf.

 

  »Meinem Vater bin ich für die Erinnerungen an ihn dankbar. Es sind nicht viele, doch das macht sie umso wertvoller für mich«, erzählt Nairi mit leicht belegter Stimme leise. In dem Moment tut es mir schon wieder leid, sie an ihren Verlust in so jungen Jahren erinnern zu müssen. »Und meiner Mutter bin ich dankbar für ihre Ausdauer und Fürsorge. Nairi lächelt schmal. »Klar, sie übertreibt es regelmäßig und sieht in mir am liebsten noch das kleine Kind von damals, das immer und überall beschützt werden muss. Aber sie zeigt mir damit auch, wie wichtig ich für sie bin.«

 

Damit die Erinnerungen Nairi nicht wieder übermannen, stelle ich die nächste Frage direkt an sie, in der Hoffnung sie damit genügend abzulenken.

 

Wie sieht es mit Freunden aus? Habt ihr viele?

  »Ja«, antwortet Nairi spontan und nickt. »Die Hälfte meiner Kaste und einige der Versorger zählen zu meinen Freunden. Yalsa, Dreelor, Lojaak und Dreega kennst du ja sicher. Dann gäbe es da noch Madakai, Silee, …«

 

Ich höre ihrer Auflistung von Namen zu. Viele davon kenne ich ja, andere sind sogar mir neu. Was mir dabei auffällt, ist die Ausgrenzung der anderen beiden Kasten. Offenbar hat sie sich strikt von den Mitgliedern ferngehalten. Eigentlich würde ich meine Vermutung, ob das Landirs Einfluss ist, schon gerne bestätigt wissen, aber das würde ein Thema aufwerfen, bei dem Yriiel vielleicht rot sehen könnte. Also schweige ich und wende mich ihm nach Nairis Aufzählung freundlich nickend an ihn.

 

 »Für mich gilt eigentlich dasselbe. Es ist normal in der eigenen Kaste die meisten Freunde zu haben. Aber auch die Freunde einiger Mitglieder meiner Familie gehören dazu. Ich kenne fast den halben Stamm gut genug, um sie als Freunde zu bezeichnen. Es sind so gesehen etwas mehr als bei Nairi …«

  »Etwas ist gut«, murrt sie dazwischen.

  »… aber meine Familie ist auch groß«, meint Yriiel und schaut Nairi beinahe entschuldigend an.

 

Ich lächle bei seiner Art und bin gespannt, wie die Antwort auf meine nächste Frage lautet.

 

Wer kennt euch am besten?

  »Meine Mutter«, erklingt es spontan einstimmig. »Naja, jedenfalls solange es nicht mit Magie zu tun hat«, fügt Nairi noch hinzu. »Was das angeht, so kennt mich Landir wohl besser.«

 

Und da ist der Name, den ich vermeiden wollte. Reflexartig verengen sich Yriiels Augen und zeigen mir sein Missfallen über die Erwähnung des Mando’kii. Hastig stelle ich die nächste Frage und dieses Mal direkt an ihn.

 

Wie zeigt ihr, dass ihr jemanden nett findest?

   »Nett? Meinst du nett oder nett?« Irritiert sieht mich Yriiel an. Ich blinzle entsprechend zurück. Schulterzuckend spricht er weiter, ohne meiner Erklärung abzuwarten. »Wenn ich jemanden nett finde, dann verbringe ich Zeit mit ihm oder ihr, also nur, wenn es sich ergibt. Besonders leicht ist es bei gemeinsamen Interessen wie dem spielhaften Kräftemessen oder dem Knochenwürfeln. Dabei lernt man schnell ziemlich gut kennen.« 

  »Du magst Knochenwürfeln?«, fragt Nairi überrascht. 

  »Ja«, antwortet Yriiel vorsichtig. »Du nicht?« 

  »Ist die Frage ernst gemeint?«, erwidert sie künstlich pikiert. »Ich bin gut darin und wenn es draußen nur noch regnet, ist das eine sehr gute Abwechslung, wenn man in der Stadt festsitzt. Allerdings kenne ich nicht viele Krieger, die das gerne spielen. Da braucht es nämlich Geschick bei.« 

  »Forderst du mich gerade heraus?« 

  »Vielleicht?« 

 

Nairi lächelt selbstsicher. Das ist das Zeichen für mich zu gehen. So leise wie es mir möglich ist, entziehe ich mich ihrer Neckerei und gebe beiden ihre freie Zeit zurück. Oft kommen sie nun wirklich nicht dazu, mal ungestört zu sein. Die letzte Frage auf meinem Spickzettel hebe ich mir für meinen nächsten Besuch auf.

 

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