Leseprobe Band II

Kapitel 16 "Die Wurzel allen Übels"

 Nachdem Yalsa mit den anderen verschwunden war, nahm sich Nairi die Zeit, um dem Schamanen grob zu erklären, was es mit den schwarzen Steinen auf sich hatte. Sie erwähnte sogar die mögliche Verbindung zu den Xaovoun in der Hoffnung, dass Lugaan ihr mit diesem Wissen einen etwas besseren Beistand leisten konnte. Das Risiko, sich später erklären zu müssen, sobald bekannt wurde, dass sie mehr wusste, als bei der jüngsten Befragung angegeben, nahm Nairi billigend in Kauf. Immerhin hatte sie sich von Landir und allem, was mit ihm zu tun hatte, weit distanzieren müssen. Dieses Stückchen Wissen gehörte leider mit dazu. 

Aber das war nun egal. Für sie zählte nur noch die Suche nach den schwarzen Steinen, den Spähern und weiteren Überlebenden. Ihre persönlichen Konsequenzen wurden dadurch belanglos. Doch bevor sie aufbrechen konnten, musste Lugaan das Gehörte akzeptieren und damit tat er sich sichtlich schwer. Sein Erstaunen grenzte schier an Unglauben. Nairi nahm es ihm nicht übel. Es klang selbst für sie immer noch total verrückt, obwohl diese Informationen schon lange keine Neuigkeit mehr für sie waren. 

»Deswegen haben uns die Shivoun also verlassen«, entfuhr es Lugaan plötzlich und auf eine Art, als ginge ihm soeben ein Teil seiner Glaubenskraft verloren. »Sie müssen denken, wir haben uns von ihnen abgewendet.« 

»Nein, nein«, hielt Nairi widersprechend dagegen, »sie haben uns nicht verlassen. Einer von ihnen hat uns auf der Jagd beigestanden. Nur so konnten wir …« 

Sie verstummte mitten im Satz, derlei zurückreichende Erklärungen führten jetzt zu weit. In erwartungsvoller Haltung stand Lugaan vor ihr. Nairi atmete kurz durch und fuhr mit einem anfänglichen Kopfschütteln fort. 

»Ich kann das jetzt nicht alles erklären, aber bitte glaube mir. Sie stehen nach wie vor auf unserer Seite, selbst wenn sie jetzt nicht hier sind. Wir müssen uns auf die schwarzen Steine konzentrieren und auf die, die wir vermutlich noch retten können. Also, wo halten sie sich auf?« 

Lugaan nickte zögerlich. »Ja, du hast recht.« Nairi sah ihm an, dass er nur zu gerne mehr von ihr erfahren hätte. Dennoch konzentrierte er sich auf ihre jetzige Situation. »Aber ... retten können wir niemanden mehr. Neela, Raavia, Keeno und Lakaat waren als Einzige noch bei Sinnen und kräftig genug, als ich sie fand und mitnahm. Alle anderen, die hier unten nach Schutz und Heilung suchten, sind tot oder werden es bald sein « 

Nun war es an Nairi, ungläubig dreinzuschauen. Obgleich sie wusste, dass es wohl nur noch wenige Manori hier unten gab, denen sie hätte helfen können, fühlten sich Lugaans Worte an wie ein Hieb in die Magengegend. 

»... und die noch lebenden Schamanen werden von etwas getrieben, das sie den großen Schatten nennen. Und wenn ich dein Gesagtes bedenke, wird es sich wohl um einen Xaovoun handeln. Aber ich verstehe das alles nicht.« 

Nairi ging es nicht anders. Der tiefere Sinn hinter all den Ereignissen der letzten Zeit war auch ihr bislang verborgen geblieben. Das einzige Bestreben der Xaovoun konnte doch unmöglich sein, zu verderben und zu töten. Wenn es ihnen nur darum gegangen wäre, dann hätten sie es, bei der Macht die sie besaßen, viel einfacher und vor allem schneller haben können als durch diesen schleichenden Prozess. Auf diese Weise waren ihnen so einige Manori entkommen, an deren Tod sie sich hätten ergötzen können. 

»Was ist mit den Verstorbenen passiert?«, wollte Nairi einer inneren Eingebung folgend wissen. Zunächst erhielt sie lediglich einen fragenden Blick. Ohne sich näher zu erklären, fügte sie hinzu: »Es ist wichtig.« 

»Sie befinden sich aufgebahrt ...«, begann Lugaan und zögerte kurz, »... in den Räumen vor den Heilerhallen. Es gab kein Totenritual.« 

Die Antwort überraschte Nairi nicht wirklich. Insgeheim rechnete sie bereits mit so etwas. Ihre Befürchtung wuchs, dass die Toten nicht mehr lange tot bleiben würden. Wie schnell das ging, hatte sie an Jharuun gesehen. Allerdings konnten auch die desaströsen Umstände der letzten Zeit für die Lagerung der Verstorbenen verantwortlich sein. 

Vielen Manori war es immer schlechter gegangen. In dieser Situation noch die Kraft für unzählige Totenrituale zu finden, erschien ihr ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Trotzdem ließen sie die Zweifel nicht los. Uneins mit sich, ob es Sinn machte, weiter nachzufragen, ruhte ihr Blick auf Lugaan. Schließlich entschied Nairi sich dagegen. Ihnen rann die Zeit davon. 

»Führe mich zu den Schamanen«, forderte sie ihn kurzentschlossen auf. 

Lugaan sah sie entgeistert an, aber erhielt keine Möglichkeit sich dazu in irgendeiner Form zu äußern. Mit ein paar beherzten Schritten verließ Nairi den Gemeinschaftsraum. Dem Schamanen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen oder zurückzubleiben. In Anbetracht der jüngsten Entwicklung war sie davon überzeugt, dass der ein oder andere noch lebende Schamane einen schwarzen Stein bei sich tragen musste. 

Da ansonsten jede Hilfe für die Zurückgebliebenen zu spät kam, konzentrierte Nairi sich nur noch auf diese eine Aufgabe. Die vermissten Späher waren indes komplett aus ihrem Bewusstsein verschwunden. Jeder ihrer Gedanken drehte sich nur noch um die schwarzen Steine, welches Unheil ihnen noch bevorstand und wie es sich vielleicht verhindern ließ. Nur beiläufig registrierte sie Lugaans Gegenwart. Er folgte ihr. 

Schon nach kurzer Zeit zahlte sich dessen Begleitung aus. Seinen richtungsweisenden Äußerungen verdankten sie ein recht zügiges Vorankommen. Das war aber auch schon das einzig Gute an ihrer Situation, da die Luft stickig blieb und der Einfluss des verdorbenen Makras wieder stärker wurde. Irritiert nahm Nairi dies zur Kenntnis. Bis vor Kurzem machten ihr die Schmerzen noch etwas weniger aus und nun änderte sich die Empfindung wieder. Entweder gab es irgendwo in der Nähe eine gravierende Veränderung in der magischen Strömung oder ihre Sinne spielten langsam verrückt. Was genau es war, konnte Nairi nicht sagen und versuchte, sich davon abzulenken, indem sie sich auf die unmittelbare Lage konzentrierte. 

Je tiefer beide in das Labyrinth vordrangen, umso komischer kam ihr die Ruhe hier unten vor. Irgendwer musste doch schon längst die Abwesenheit von Lugaan und seinen Begleitern bemerkt haben und sie suchen. Raavias Gefühlsausbrüche waren bestimmt nicht ungehört geblieben. Allerdings sah Nairi sich außerstande, eine Erklärung dafür zu finden. Wie die fehlgeleiteten Männer und Frauen dachten und was für Befehle sie durch den Xaovoun erhielten, der sich offenbar ihres Geistes bemächtigt hatte, entzog sich ihrer Vorstellungskraft. Fest stand für sie nur, auf alles gefasst sein zu müssen. Die Situation konnte sich jederzeit ändern. 

Zügig ließen sie daher eine Abzweigung nach der anderen hinter sich. Sämtliche Gänge und die wenigen leeren Räume, an denen Nairi und Lugaan vorbeikamen, waren größtenteils genauso von Dunkelheit oder ersterbendem Licht erfüllt wie der von ihnen gewählte Weg. Zu ihrer Erleichterung musste der Schamane nicht geführt werden. Seine Ortskenntnisse ermöglichten ihm selbst ohne silbernes Auge eine sehr genaue Orientierung. Zwischendurch warf Nairi ihm dennoch einen absichernden Blick über ihre Schulter zu und erkannte, dass Lugaan schneller erschöpfte als sie. 

Erstmals dachte sie daran, ob es ihnen nach Beendigung ihrer Aufgabe möglich sein würde, sofern ihnen dieses Kunststück überhaupt glückte, zusammen das Labyrinth zu verlassen. Über diesen und andere Gedanken brütend erreichten sie erneut eine Abzweigung, dieses Mal jedoch eine größere, die ihre gesamte Aufmerksamkeit erforderte. Der Gang vor ihnen sah nach einer Art Hauptgang aus und besaß einen breiteren Durchmesser als die zurückliegenden Tunnel. 

Nairi blieb stehen, lauschte und hörte lediglich ihre eigenen und Lugaans Atemgeräusche. Dafür kitzelte sie ein merkwürdiger Geruch in der Nase, der von einem hauchzarten Luftzug an ihr vorbeigetragen wurde. Der Eindruck war so flüchtig, dass Nairi an einen Irrtum ihrerseits glaubte. Suchend spähte sie in die unterschiedlichen Richtungen, in die sich der breitere Gang erstreckte. Doch zu sehen war nichts, vermutlich weil der Weg alles andere als geradlinig verlief. 

»Wir müssen nach rechts weiter. Wir sind der Heilerhalle nun sehr nahe«, flüsterte Lugaan ihr zu. 

»Heilerhalle?«, fragte Nairi ähnlich leise. Erst jetzt merkte sie, nicht zu wissen, wohin sie beide unterwegs waren. »Befinden sich die Schamanen dort?« 

Sein knappes Ja erwiderte Nairi mit einem nachdenklichen Nicken. Sie wollte weitergehen, aber Lugaan hielt sie an ihrem Arm fassend davon ab. 

»Was ist?« 

»Warte, du solltest noch was wissen.« 

Erwartungsvoll sah Nairi ihn an und erkannte, wie Unmut und Ekel in seinem Gesicht um die Vorherrschaft rangen und ihn vom sofortigen Weitersprechen abhielten. Es dauerte einen Moment, bis Lugaan ihr mit gebrochener Stimme etwas zuflüsterte. 

»Sie stellen unterschiedliche Mittel her, um die Toten haltbar zu machen.« 

»Was?«, entfuhr es Nairi halblaut. 

Erschrocken, vor allem vom Nachhall ihrer Stimme in den Gängen, zuckte sie zusammen und schaute sich daraufhin absichernd um. Ihre kurze Unachtsamkeit zog offenbar keine unliebsame Überraschung nach sich. Es war nichts zu hören noch zu sehen. Darüber erleichtert wandte sie sich wieder Lugaan zu, der sich jeglichen Kommentar über ihren verbalen Ausfall ersparte und nur leicht murrte. Ohne näher darauf einzugehen, sprach Nairi mit deutlich gesenkter Stimme weiter. 

»Was soll das heißen, sie machen sie haltbar?« 

»In der Heilerhalle werden die Toten mit Mitteln behandelt, die in den dort angrenzenden Räumen hergestellt werden und den natürlichen Zerfall aufhalten. Wenn wir weitergehen, wirst du das alles sehen und auch riechen.« Nairis Gesichtszüge entgleisten. Mit vor Fassungslosigkeit geweiteten Augen sah sie den Schamanen an, der ihren Blick wohl als unausgesprochene Frage missverstand und meinte: »Mir ist nicht klar, wieso sie das tun, nur das es so ist.« 

Lugaan konnte sich nicht vorstellen, wozu diese Prozedur gut war, Nairi schon. Es lag nicht im Brauch ihres Volkes, die Körper von Verstorbenen zu erhalten. Sie gehörten aufgelöst und deren Seelen in die Hände der Shivoun, damit sie ihren Frieden finden und sich erholen konnten, von dem, was ihnen im Leben widerfahren war. 

Für Nairi gab es nur eine Erklärung. Wiederauferstehung! Ihre Gedanken überschlugen sich schier. Es musste einen Magiewirker in der Nähe geben, einen, der genau dazu in der Lage war. Doch wer sollte das sein? Wie erstarrt stand sie vor Lugaan und bemerkte seinen musternden Blick ihr gegenüber viel zu spät. 

»Du weißt etwas«, sprach er mit erkenntnisreichem Unterton. 

»Ja«, antwortete Nairi und fragte sich, woher er die Gewissheit nahm. Ungeachtet dessen sprach sie leise weiter. »Aber ich kann es nicht erklären ... nicht jetzt. Die Zeit drängt. Bitte führ mich weiter. Das hier muss ein Ende finden.« 

»Das muss es«, pflichtete Lugaan ihr glücklicherweise bei, obgleich er unzufrieden wirkte über ihre abweisende Antwort. 

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wandte Nairi sich ab und eilte nach einem absichernden Blick in Richtung der Heilerhalle weiter. Aus dem vormals schwachen Luftzug, der diesen merkwürdigen Geruch mit sich führte, entwickelte sich eine unregelmäßig wiederkehrende, leichte Brise. Dies war ein deutliches Zeichen dafür, wie nah sie dem von ihnen anvisierten Ziel gekommen waren. Dennoch fiel Nairi das Weitergehen nicht unbedingt leichter, im Gegenteil. 

Zu der stickig erdigen Duftnote, die seit Betreten des Labyrinths jeden ihrer Schritte begleitete, gesellte sich nun ein Gemisch aus diversen ätherischen Ölen gepaart mit dem süßlichen Geruch vom warmen Baumharz. Die blanke Intensität dieser Gerüche erhob sich nach einer Weile wie eine undurchdringliche Wand vor ihnen. Unverrichteter Dinge blieb Nairi mitten im Gang stehen, begleitet von einem von Unmut zeugenden Laut an ihrer Seite. 

»Wird der Geruch noch stärker?«, wagte sie, leise zu fragen. 

»Unwesentlich«, raunte Lugaan ihr zu. »Wir sind gleich da.« 

Nairi bemühte sich, die Worte zu verstehen. Ihre Übelkeit nahm einen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch. Es widerstrebte ihr zutiefst, den Weg fortzusetzen. Aber genau das mussten sie, wenn sie hier nicht entdeckt werden und ihre Aufgabe erledigen wollten. Wie zur Erinnerung daran presste Nairi mit einer Hand das mit den Runen versehene Kistchen unter ihrer Weste fester gegen ihren Körper. Der Druck lenkte sie von dem Duftgemisch weitestgehend ab. 

Zum Glück hängt kein Verwesungsgeruch in der Luft. 

Wo es den Tod gab, da gab es stets entsprechende Ausdünstungen. Woran es genau lag, dass sie davon noch nichts roch, ob nur an dem intensiven Aroma dieser Mittel, von denen Lugaan gesprochen hatte, oder etwas anderem, war ihr nicht ganz klar. Dennoch war Nairi heilfroh, diesen Geruch nicht auch noch in der Nase zu haben. Darauf reagierte sie seit jeher besonders empfindlich und hatte sich in all der Zeit als Späherin nicht daran gewöhnt. 

Schritt um Schritt kamen Nairi und Lugaan einer weitläufigen Biegung näher. Die Beschaffenheit des Ganges veränderte sich. Bisher formten die Wurzeln des Baumriesen die unmittelbare Umgebung. Aufgrund der dicken Rinde besaßen sämtliche Wände der begehbaren Abschnitte im Labyrinth eine raue und dunkle Wölbung, die nun zugunsten einer glatteren und deutlich helleren Außenschicht wich. 

Das wenige Licht, sofern vorhanden, wirkte gleich bedeutend kräftiger. Nairi empfand die Dunkelheit seit ihrem unfreiwilligen Marsch durchs Schattenreich noch immer als sehr unangenehm. Daher begrüßte sie die neuen Lichtverhältnisse mit innerer Erleichterung, die auch sogleich wieder zunichtegemacht wurde. 

Ein merkwürdiges Schleifen ertönte zusammen mit der Schrittfolge von mindestens zwei Personen. Erschrocken blieb Nairi noch vor der Biegung abrupt stehen. Lugaan verharrte ebenso. Was sie hörten, klang sehr nah, viel zu nah für ihren Geschmack, und das versprach nichts Gutes. Instinktiv presste sie sich gegen die Wand des Ganges, um erst im allerletzten Moment gesehen zu werden, und löste das Wurfholz vom Gürtel. Absichernd warf sie Lugaan einen knappen Blick zu. 

Sein Gesicht schien wie in Stein gemeißelt zu sein, nur der Lidschlag verriet, dass es sich dabei nicht um eine Maske handelte. Plötzlich verstummten die Schritte, mit ihnen das schleifende Geräusch. Das Herz schlug Nairi bis zum Hals. Sie fixierte abwechselnd die Wände und den Boden der Biegung. Doch nirgendwo entdeckte sie einen verräterischen Schatten, weder von ihnen noch von denjenigen, die sich irgendwo auf der anderen Seite befanden. Stattdessen hörte sie einen dumpfen Aufprall. Dem Geräusch nach zu urteilen war etwas Großes und Schweres zu Boden gefallen. 

»Das war der Letzte.« 

»Vorerst, ja.« 

Die Worte klangen überraschend undeutlich, keinesfalls so, als würde jemand direkt neben ihnen stehen und sich unterhalten. Angespannt lauschte Nairi und ließ dabei die Biegung nicht einen Wimpernschlag lang aus den Augen. 

»Die anderen folgen auch noch. Aber zunächst gehen wir ihnen voran.« Ein zustimmendes Murmeln erklang. »Und nun wird es Zeit. Das Ritual muss abgehalten werden.« 

Unmittelbar darauf erklangen wieder Schritte, dieses Mal ohne das Schleifen. Nairi hielt den Atem an und das Wurfholz beinahe krampfhaft fest. Entgegen ihrer Erwartung verliefen sich die Schrittfolgen in entgegengesetzte Richtung. Als sie meinte, es riskieren zu können, rückte sie ein wenig vor und wagte einen vorsichtigen Blick. In einiger Entfernung erspähte Nairi zwei in Roben gehüllte Gestalten. Mit Schrecken realisierte sie, wie gering die Distanz eben noch zu ihnen gewesen war. 

Nur wenige Armlängen voraus befanden sich Zugänge auf beiden Seiten des Tunnels. Sie lagen ein wenig zueinander versetzt. Jetzt wurde Nairi klar, wo sich die beiden Manori eben aufgehalten und was sie getan hatten. Kurzerhand setzte sie sich wieder in Bewegung, obwohl die zwei Schamanen sich noch immer in Sichtweite aufhielten. Diesen Umstand nahm Nairi billigend in Kauf und damit das Risiko, im Zweifelsfall entdeckt zu werden. Um nichts in der Welt wollte sie sich jetzt noch abhängen lassen. Sie musste mit eigenen Augen sehen, was genau hier vor sich ging und wer dafür die Verantwortung trug. 

Nach wenigen Schritten kamen Nairi und Lugaan auf der Höhe zu einem der Durchgänge an. Trotz der Ahnung, was dort drinnen zu sehen sein würde, war der Anblick schockierend. Sie hatte nur kurz hineinschauen wollen, um sich abzusichern, aber erstarrte schlagartig mitten im Gang stehend, unfähig sich abzuwenden, so sehr sie es auch versuchte. Lugaans Worte von vorhin hallten in ihrem Kopf wider. 

Sie befinden sich aufgebahrt in den Räumen vor der Heilerhalle ... sie stellen unterschiedliche Mittel her, um die Toten haltbar zu machen. 

Nairi schluckte schwer und erschrak. Sie wurde am Arm gepackt und dort hineingezerrt. Gerade da ihr ein Schrei über die Lippen kommen wollte, spürte sie eine Wand hinter sich und eine Hand über ihren Mund. Im Nachhinein erkannte sie Lugaan, er stand direkt vor ihr. Sein eindringlicher Blick bohrte sich in ihren und bedeutete ihr, still zu sein. Vor panischer Erregung hob und senkte sich Nairis Brustkorb. Das Herz hämmerte wie wahnsinnig dahinter. Abermals ertönten Stimmen, unverständlich und weit entfernt. Ein unendlich lang erscheinender Moment verging, ehe wieder vollkommene Stille herrschte. Ihre Anspannung verebbte langsam. Erst jetzt ließ Lugaan seine Hand sinken. 

»Tut mir leid«, flüsterte er mit rauer Stimme, »aber den beiden kam jemand entgegen.« 

Der Schreck saß ihr noch immer in den Knochen und so nickte Nairi lediglich. Langanhaltender als zuvor atmete sie tief ein und aus. Der penetrante Geruch von draußen war hier im Raum mehr als doppelt so intensiv. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Würgereiz, der mitunter vom Anblick kam, der sich ihr seitlich von Lugaan bot. Der Raum, dessen Aufteilung Nairi nur am Rande wahrnahm, beherbergte eine Vielzahl an toten Körpern. 

Alte und Junge, Erwachsene wie Kinder lagen geordnet und auf eine abstruse Weise anständig hergerichtet am Boden. Es schien, als würden sie schlafen. Einige von ihnen mussten bereits seit längerer Zeit tot sein. Schließlich verstarben nicht alle gleichzeitig. Dennoch war ihnen nicht anzusehen, wie lange sie hier schon lagen. Wie in Trance schweifte Nairis Blick umher. Dabei entdeckte sie unzählige Schleifspuren. Sie zeugten von der Art des Transportes hierher. 

Ein Gefühl gemischt aus Fassungslosigkeit, Trauer und Wut stieg in ihr auf. Die einzelnen Emotionen wirbelten in ihrem Innern umeinander und erzeugten so den Wunsch, von hier verschwinden zu wollen, allerdings nicht um zu fliehen. Noch hartnäckiger als zuvor hielt Nairi an dem Entschluss fest, diesem unheiligen Treiben ein Ende zu bereiten, sollte sich ihr eine passende Gelegenheit dazu bieten. Mit einer entschiedenen Geste wies sie Lugaan an, den Weg fortsetzen zu wollen. 

Er nickte und Nairi spähte vorsichtig in den Gang hinaus. Zu sehen war niemand mehr, aber der Nachhall sich entfernender Schritte drang noch an ihre Ohren, wenngleich kaum noch wahrnehmbar. Flink huschte sie um die Ecke und eilte weiter, begleitet von Lugaan. Das Kistchen unter der Weste hielt Nairi dabei mindestens genauso fest wie das Wurfholz in der anderen Hand. Sie dachte nicht einmal daran, es wieder wegzustecken. 

Die Distanz zur Heilerhalle schmolz mit jedem Schritt dahin. Ihre Anspannung nahm erneut zu. Nur noch auf den vor ihnen liegenden Durchgang fixiert verkamen der Geruch, der sich in ihrer Nase eingezeckt hatte, der empfundene Schmerz und sogar ihr Sinn für Gefahr zur Nebensächlichkeit. Kaum waren Nairi und Lugaan an der Grenze zur Heilerhalle und damit unmittelbar unter dem Baumriesen angekommen, suchten sie Schutz an einer der Seiten des Durchganges, um im Zweifelsfall nicht sofort entdeckt zu werden. 

Immerhin verbesserte sich die Sicht, nur leider nicht sehr stark. Verantwortlich dafür waren die fluoreszierenden Knospen an der Decke und den Seitenwänden. Zwar gaben sie nur sehr wenig Licht von sich, aber waren zahlreicher als jene in den Gängen. Zusammen mit der hellen Maserung des Holzes wirkte die Halle geradezu gut ausgeleuchtet. Daher genügte Nairi ein rascher Blick zur Orientierung. 

Die kuppelartige Halle war von beachtlicher Größe, ähnlich der der Gemeinschaftshallen direkt in der Stadt und die besaßen im Innenbereich beinahe den Umfang des Stammes. Genau mittig stand der verholzte Urspross des Baumriesen. Dessen Umfang maß mehrere Schritte. Sein Fuß war tief in der Erde vergraben und auf Hüfthöhe eines erwachsenen Manori befand sich eine breite ringförmige Vertiefung. Normalerweise sammelte sich dort das Wasser, das der Spross aus der Erde aufnahm. Jetzt allerdings schimmerte nur noch ein karges Rinnsal in dem schwachen Licht der darüber rankenden Knospen. 

Von dort schaute Nairi weiter zu den aus dem Stamm gewachsenen übermannshohen Trennwänden am Rand der Halle. Sie bildeten die gekammerten Areale, die der Versorgung von Kranken und Verletzten dienten. Dazwischen verliefen vier hierherführende Zuwege zur Heilerhalle und hinaus. In einem davon standen derzeit Nairi und Lugaan. 

Alles in allem war die Halle schwer einsehbar. Die Behandlungsbereiche zu den Seiten verwehrten es ihr, die Zuwege genau in Augenschein zu nehmen. Zudem war der Urspross breit genug, als dass sich genau auf der gegenüberliegenden Seite eine unschöne Überraschung verbergen konnte. Angespannt stand Nairi da und überlegte. Kein fremdes Geräusch war zu hören, nicht einmal die Schritte der Abtrünnigen von eben. 

Die Akustik der Halle hätte die Anwesenheit anderer Personen sehr schnell verraten, besonders jetzt, durch die hier unten allgegenwärtige und unnatürliche Stille. Sie hatten die Schamanen verloren, von denen Nairi hoffte, zur Wurzel allen Übels hier unten geführt zu werden. Entgegen des Wunsches, der sie dazu verleitete, blindlings loszulaufen, in der Hoffnung auf Anhieb den Anschluss wiederzufinden, zügelte sie ihren Übereifer. 

»Wohin genau führen die Gänge?«, fragte Nairi leise, ohne die Halle aus den Augen zu lassen. 

»Der Weg rechts von uns führt hinaus, der daneben dient als Verbindung zu einem der anderen Baumriesen. Dort befinden sich auch die zusätzlichen Krankenlager. Und durch den Weg zu unserer Linken gelangt man zum Saal der Aufzeichnungen«, klärte Lugaan sie ähnlich leise sprechend auf, um kein unliebsames Echo in der Halle zu erzeugen. »Der Saal liegt genau im Zentrum des Labyrinths. Es ist nicht weit bis dorthin.« 

Nairi nickte, sie verstand. Zwei der insgesamt vier Möglichkeiten waren hinfällig, ebenso die offenbar verlassene Heilerhalle. 

»Weißt du, ob unterhalb jedes Baumriesen das Gleiche passiert?« 

»Vermutlich, aber mit Sicherheit weiß ich es nur von diesem Teil des Labyrinths«, antwortete Lugaan. »Nachdem die Hallen keinen einzigen Kranken mehr aufnehmen konnten, schufen wir freie Plätze in angrenzenden Räumen. Die Männer, Frauen und Kinder in den Hallen starben teilweise zuerst. Statt sie den Shivoun zu übergeben, balsamierten wir sie und legten sie in die Räume direkt hinter uns.« 

Die letzten Worte sorgten bei Nairi für einen Anflug von Befremdung gegenüber Lugaan. Bis jetzt hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, ihn direkt mit den Ereignissen hier unten in Verbindung zu bringen, obwohl es eigentlich auf der Hand lag. Er war schließlich ein Schamane. Ihr Blick verriet die gehegten Gedanken, denn Lugaan sah beschämt zur Seite. Was er getan hatte, musste ihn schwer belasten und stellte wahrscheinlich den Grund dar, weshalb er sie unterstützte. Mit Gewissheit konnte Nairi das nicht sagen, beließ es jedoch dabei. Es gab jetzt Wichtigeres zu erledigen und so konzentrierte sie sich auf die bisherigen Erkenntnisse, die zu einem großen unangenehmen Ganzen gehörten. 

Alles hier unten folgte offenbar einer bestimmten Ordnung. Direkt hinter ihnen lagen die Totenräume, in der Heilerhalle wurden die Verstorbenen balsamiert und seitlich der Verbindungswege hielten sich bestenfalls noch lebende, aber dem Tod geweihte Manori auf. Wenn es also ein Ritual gab, das es durchzuführen galt, dann musste es ganz woanders stattfinden. Zwar glich niemals ein Labyrinth einem anderen, doch es gab bestimmte Gemeinsamkeiten und dazu gehörte mitunter die Lage der Heilerhallen mit den davon abgehenden Verbindungsgängen. 

Ihrer Meinung nach existierte genau ein Ort, der für das Ritual infrage kam, nämlich das Zentrum, der Saal der Aufzeichnungen. Ehe sie mit neuem Ziel die sichere Umgebung des Ganges verließ, atmete Nairi durch und gab Lugaan ein Zeichen. Es bedeutete ihm, erst einmal hier zu warten und die Augen sowie Ohren offen zu halten. Leicht geduckt eilte sie zu ihrer Linken entlang der nicht einsehbaren Behandlungsräume auf den Urspross zu. Dort suchte Nairi Deckung und versicherte sich davon, dass ihnen niemand auflauerte. Erst danach ließ sie Lugaan nachkommen. 

Beide beeilten sich, den ins Zentrum führenden Gang zu erreichen. Die zu bewältigende Distanz war verhältnismäßig kurz. Dennoch schaute sie sich immer wieder hoch nervös überall hin um. Für einen Moment war Nairi, als würde ihnen ein Schatten folgen. Allerdings musste sie sich bei einem weiteren Blick eingestehen, sich wohl geirrt zu haben. Hinter ihnen war niemand. Zeit, um über diese Sinnestäuschung nachzudenken, blieb ihr keine, da sie kurz darauf mit Lugaan den anvisierten Zuweg erreichte und in das dahinterliegende Dunkel trat. 

Nach den ersten Schritten hielt Nairi naserümpfend an. Der von der Balsamierungsflüssigkeit stammende Geruch besaß in diesem Gang eine schier unfassbare Intensität. Der Fertigungsort musste in unmittelbarer Nähe liegen. Zu ihrer eigenen Überraschung reagierte sie weniger stark, als zunächst erwartet. Trotzdem dauerte es einen Augenblick, bis Nairi sich wieder fing. Währenddessen behielt Lugaan die hinter ihnen liegende Halle im Auge. 

Augenscheinlich machten ihm die widrigen Umstände absolut nichts aus, wie ihr ein flüchtiger Blick zu ihm verriet. Geleitet durch einen flüchtigen Gedanken befestigte sie das Wurfholz wieder am Gürtel und fasste nach seiner Hand. Erschrocken zuckte er zusammen, sodass Nairi sofort wieder von ihm abließ. Sie hatte in Erfahrung gebracht, was sie wissen wollte. 

»Was ist?«, fragte Lugaan leise und sah sie irritiert an. 

»Nichts, schon gut«, log Nairi. »Mir wurde nur kurz schwindelig ... der Gestank ... aber es geht schon wieder.« 

»Sicher?« 

Knapp nickend schaute sie wieder nach vorne, froh darüber, dass sich ihre Vermutung nicht bestätigt hatte. Seine Hand war warm, er lebte also. Eigentlich konnte es auch nicht anders sein. Wie ein untoter Manori aussah, wusste Nairi schließlich. Aufgrund seiner ungerührten Art zweifelte sie jedoch an ihrer eigenen Einschätzung und Wahrnehmung. Zum Glück hinterfragte Lugaan ihr Verhalten nicht und glaubte ihr augenscheinlich. Zumindest kam seinerseits keine gegenteilige Reaktion. 

Um diese nicht vielleicht noch nachträglich zu provozieren, spähte Nairi in den Gang hinein und kniff erstmals, seit Betreten des Labyrinths, die Augen leicht zusammen. Es war, als würde inzwischen dichter werdender Nebel ihre Sicht trüben. Sie hatte Mühe, noch genug zu erkennen, ein Umstand, der ihr absolut missfiel. Aber aufgeben wollte Nairi nicht. Noch überwog ihre Hartnäckigkeit die Stimme der Vernunft, die so langsam zum Umkehren riet. 

Vorsichtig ging sie voran und entdeckte nach den ersten Schritten in einiger Entfernung zwei Durchgänge links und rechts des Weges. Von dort kam kein einziges Geräusch, weshalb sie zügig darauf zuging, dicht gefolgt von Lugaan. Nairi warf einen kurzen, aufmerksamen Blick in den vorderen der beiden schräg zueinander liegenden Räume. Bis auf die alchemistischen Aufbauten an den Tischen und Wandregalen, die davon zeugten, dass hier noch vor Kurzem jemand mit den Gerätschaften hantiert haben musste, war nichts zu sehen. 

Angewidert von dem Gestank der frisch angesetzten Balsamierungsflüssigkeiten und dem Anblick der dafür offen herumliegenden Zutaten verzog Nairi das Gesicht. Eilig schaute sie in dem anderen Raum nach, in dem es genauso aussah. Entschieden wandte sie sich ab und wollte weiter in Richtung Zentrum vordringen, doch Lugaan blieb stehen. 

»Ich halte es nicht für klug, weiterzugehen«, raunte er ihr zu. »Dir geht es nicht mehr so gut wie noch vorhin. Wir sollten umkehren bevor …« 

»Nein.« Nairi fiel ihm schneidend, aber leise ins Wort. »Selbst wenn wir die schwarzen Steine nicht finden sollten, dann vielleicht Antworten und die sind mindestens genauso wichtig. Ich bin mir sicher, dass wir kurz davor sind, herauszufinden, was das alles zu bedeuten hat und wer dafür verantwortlich ist.« 

»Ich halte es dennoch für falsch«, entgegnete er standfest. 

Nairi gab einen von Unmut kündendes Murren von sich. »Ich gehe weiter. Mit dir oder ohne dich.« 

Nun war es an Lugaan, eine entsprechende Lautäußerung hören zu lassen, gleichzeitig legte er aber auch eine Hand auf ihre Schulter. 

»Ich gab mein Wort und werde es halten. Doch nur zur Sicherheit möchte ich, dass du mich führst. Vor uns liegt tiefste Dunkelheit und ich besitze kein silbernes Auge.« 

Nickend nahm Nairi seine Worte zur Kenntnis, ohne seine Bitte zu hinterfragen. Sie wollte nur den Saal der Aufzeichnungen schnellstmöglich erreichen. Langsamer als zuvor setzte sie ihren Weg fort, damit es Lugaan nicht unnötig schwer fiel, mit ihr Schritt zu halten. Gleichwohl kostete Nairi diese Rücksichtnahme einiges an Selbstbeherrschung. Es ging ihr schlichtweg nicht schnell genug. Erfüllt mit einer Mischung aus Ungeduld und unheilvoller Vorahnung tastete sie mit der Hand nach ihrem Wurfholz am Gürtel und hielt es eisern fest, ganz so, als könnte es ihr genügend Halt geben. 

Auch das runenverzierte Kistchen unter der Weste presste Nairi stärker als nötig gegen ihren Oberkörper. Von beidem spürte sie kaum mehr etwas und nahm nur beiläufig wahr, dass eine merkwürdige, nahezu betäubende Leichtigkeit allmählich ihren gesamten Körper erfüllte. Sie musste zweimal in sich hineinhorchen, um zu merken, wie ihr Herz inzwischen heftig gegen das Innere ihres Brustkorbes hämmerte. Zugleich verschlechterte sich die Sicht wieder. Der Gang bestand zunehmend aus rauem, dunklem Holz. 

Lange währte diese erdrückende Dunkelheit nicht. Das Ende des Weges kam wenig später hinter einer weitläufigen Biegung zum Vorschein ebenso wie ein intensiv schwarzvioletter Schimmer. Abrupt blieb Nairi stehen, was dazu führte, dass Lugaan ihr unsanft von hinten in den Rücken lief. Nur mit Mühe unterdrückte sie eine Unmutsbekundung, während von ihm ganz leise ein Murren erklang. 

»Was ist das?«, raunte Lugaan zu ihr vorgebeugt ins Ohr. 

Über diese plötzliche Nähe erschrak Nairi und zuckte zusammen, da ihr starrer Blick an dem verräterischen Schein vor ihnen hing. 

»Nichts Gutes … absolut … nichts Gutes«, brachte sie nach dem Schreck kaum noch hörbar hervor. 

Ihm jetzt zu erklären, dass es sich dabei um hoch konzentriertes verdorbenes Makra handelte, brachte Nairi nicht fertig und wunderte sich zugleich über diesen Anblick. Der schwarzviolette Schimmer erinnerte sie an ein Schattentor. Eigentlich musste diese intensive Ansammlung verdorbenen Makras, die sie anhand der Farbe einzuordnen wusste, einen überaus starken Schmerz mit sich bringen, egal, ob es sich nun tatsächlich um eines der Tore ins Schattenreich handelte oder um etwas ganz anderes. 

Die Intensität der magischen Strömung war ausschlaggebend für die von ihr hervorgerufene Empfindung. Doch davon spürte Nairi gerade nichts. Eigentlich spürte sie überhaupt nichts mehr, wie ihr langsam richtig bewusst wurde, nicht einmal mehr Lugaans Hand auf ihrer Schulter. Es war, als wäre ihr Körper komplett taub geworden. Einer Ahnung folgend kniff Nairi sich an eine ihrer empfindlichsten Stellen und blinzelte verblüfft. Es tat nicht weh. 

Obwohl nichts anderes als Ursache infrage kam wie das verdorbene Makra, wollte ihr nicht einleuchten, wie das sein konnte. Immerhin war sie nicht das erste Mal solch einer Intensität ausgesetzt und hatte zuvor gänzlich anders reagiert. Nach einigen Überlegungen gab Nairi auf. Es fiel ihr immer schwerer, sich genügend zu konzentrieren. Darüber hinweg vergaß sie aber nicht den Grund ihres Hierseins. 

Leise und überaus vorsichtig näherte sie sich mit Lugaan im Rücken dem Ende des Ganges. Nirgendwo waren Wachen zu sehen, sodass Nairi bis auf eine halbe Armlänge an den Durchgang heranschlich und dicht gedrängt an einer der Seitenwände des Tunnels anhielt. Neugierig spähte sie in den Saal hinein. Der dortige Anblick sorgte bei ihr für größtmögliches Unwohlsein. Es war kurz davor, in Angst umzuschlagen. 

Das unheilvolle Leuchten hüllte alles in eine der schaurigsten Atmosphären, die Nairi imstande war, sich vorstellen konnte. Der Saal vor ihnen war verhältnismäßig klein und über drei Durchgänge mit den jeweiligen Baumriesen verbunden. Dazwischen reihten sich zahlreiche Regalnischen von oben bis unten an der Wand aneinander, prall gefüllt mit allerlei Schriftrollen und einigen Gegenständen, die größtenteils der Schreiberei dienten. Davor standen kleinere bis größere Tische mit den dazu passenden Sitzgelegenheiten, allesamt aus Wurzelausläufern gewachsen, die dort aus dem Boden ragten. Aber das eigentlich Erschreckende an ihrer Beobachtung befand sich genau in der Mitte dieses Saals. 

Fünf Schamanen umringten gleichmäßig voneinander entfernt und mit gesenktem Blick einen länglichen Tisch, sparten jedoch eines der beiden schmalen Enden aus, an dem ein metallener Stab im Boden steckte. Oben auf lag ein schwarzer Stein, ein besonders großer noch dazu, der Quell des unheilvollen Lichts hier drinnen. Was allerdings auf dem Tisch lag, konnte Nairi nicht erkennen. Dafür standen die Schamanen zu dicht beieinander und gaben sich ganz ihrem leisen, unverständlich klingenden choralen Gemurmel hin, das die ansonsten gespenstige Ruhe hier unten durchbrach. 

Diese unwirkliche Szene rief die Erinnerungen an Jharuuns Erweckung in ihr wach. Noch einmal wollte sie dergleichen nicht erleben, besonders nicht tatenlos. Während Nairi darüber nachdachte, was sie tun konnte, um genau das zu verhindern, erregte eine Bewegung am gegenüberliegenden Ende des Saals ihre Aufmerksamkeit. Ruckartig schaute sie dorthin. Mehr wie die tiefe Dunkelheit und die bereits eben in Augenschein genommene Einrichtung gab es nicht zu sehen. Dennoch meinte Nairi, für einen winzigen Moment die Umrisse einer Gestalt wahrgenommen zu haben, ähnlich wie vorhin in der Heilerhalle. Ihr Blick glitt suchend umher und streifte dabei die Eingänge der zwei anderen Tunnel. 

Nairi blinzelte ungläubig, als sie in einem davon das unverwechselbare Glimmen zweier silberner Augen sah. Beim näheren Hinschauen erkannte sie Kadvos und Tirea und atmete erleichtert auf. Immerhin waren sie und Lugaan nicht alleine. Doch von ihnen konnte die eben wahrgenommene Bewegung nicht stammen, die von vorhin aus der Heilerhalle erst recht nicht. Nairi erkannte die beiden auf dieser deutlich größeren Distanz problemlos, trotz ihrer getrübten Nachtsicht. Wieso war es ihr dann nicht möglich, die Person zu entdecken, die sie allmählich in ihrer Nähe vermutete. Ein komisches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Nairi wusste aufgrund der gespenstigen Situation plötzlich nicht mehr, was Wirklichkeit war und was vielleicht nur Halluzination. 

Das andauernde chorale Gemurmel der fünf Schamanen bescherte ihr nicht nur ein immer weiter anwachsendes, ungutes Gefühl, sondern lenkte sie auch von ihren Gedanken ab. Der entstandene Singsang wurde beständig lauter, aber nicht verständlicher für ihre Ohren. Dafür beobachtete Nairi, wie das schwarzviolette Glühen nahezu im Rhythmus der Stimmen pulsierte. Wenn sie eingreifen wollte, dann wurde es langsam Zeit. Absichernd schaute sie erneut zu Kadvos und Tirea hinüber. Beide bestückten soeben ihre Blasrohre und hielten zwei weitere Giftpfeile griffbereit in den Händen. 

Noch ehe Nairi dazu kam, diesem Beispiel zu folgen, fing der Kastenmeister ihren Blick auf und wies sie mit einem paar Gesten an, sich um den schwarzen Stein zu kümmern. Derweil wollte er mit Tirea für Ablenkung sorgen. Für Widersprüche blieb keine Zeit und der Stein in der Halterung lag ihr am nächsten. Nairi nickte verstehend und flüsterte Lugaan in knappen Worten das weitere Vorgehen zu, da er nichts von der im Dunkeln geführten, lautlosen Absprache mitbekommen hatte. Seine Reaktion fiel eindeutig aus, wenngleich komplett wortlos. 

Es widerstrebte ihm, in den Saal hineinzumüssen, stand jedoch weiterhin zu seinem Wort, vielleicht auch nur, weil ein Kastenmeister vor Ort war und die Anweisung dazu erteilte. Nairi wusste nicht, ob es daran lag. Allerdings war es ihr herzlich egal. Sie sah zurück nach vorne und wartete angespannt auf die Möglichkeit zum Eingreifen. 

Kaum ruhte ihr Blick wieder auf der kleinen Versammlung, erstarben die Stimmen. Ein Aufschrei hallte durch den Saal, gefolgt von einem Zweiten. Sie trat einen Schritt in den Gang zurück und schaute zur Seite, damit das silbern schimmernde Auge nicht ihre Gegenwart verriet. Lediglich Lugaan blieb ungerührt stehen und beobachtete, was sich im Saal tat. Abermals erklangen vereinzelte Aufschreie. 

»Dort! Schnappt sie euch!« 

Die Stimme schmetterte durch den Saal. Nairi kniff die Augen zusammen. Nach der andauernden Stille hier unten wirkte der geschriene Befehl wie ein Donnerhall in ihren Ohren. Sie hörte kaum noch die sich entfernenden, dumpf klingenden Schritte gleich mehrerer Personen. 

»Jetzt«, flüsterte Lugaan. »Sie sind weg.« 

Umgehend eilte sie voraus, direkt auf den metallenen Stab zu. Keiner der fünf Schamanen hielt sich noch im Saal auf. Nairi hatte freie Sicht auf den Tisch. Zwei Körper lagen dort, regungslos, aber nur der vorderste fesselte ihre Aufmerksamkeit. Die Gestalt war von Kopf bis Fuß in einen dunklen Umhang gehüllt. 

Lediglich das fahlweiße Gesicht, gezeichnet von zahlreichen Falten des Alters, den dunkelvioletten Adern unmittelbar unter der Haut und den beinahe schwarz erscheinenden Lippen, reckte sich Nairi aus dieser stofflichen Umarmung entgegen. Die Hände von selber Blässe mit ihren knöchrigen, beinahe spinnengliedrigen Fingern lagen ineinander gefaltet auf deren Brustkorb. 

»Ne ... in«, brachte sie heiser und abgehakt hervor. 

Ungläubig starrte Nairi nach vorne und blieb wie versteinert stehen, nur eine Armlänge vom Tisch und dem schwarzen Stein entfernt. Eigentlich müsste ihr nun ein eiskalter Schauer über den Rücken laufen, doch sie spürte nichts. Noch immer beherrschte Taubheit ihren gesamten Körper. Jede Bewegung geschah weitestgehend instinktiv. 

»Wer ist das dort, Nairi«, wollte Lugaan neben ihr stehend wissen. 

»Der ... Totenbeschwörer.« 

Schwer und leise kamen ihr die von Ungläubigkeit geprägten Worte über die Lippen. Sie würde ihn immer und überall wiedererkennen, obwohl sie bisher nur den unteren Teil seines Gesichtes gesehen hatte. Sein Äußeres war schlichtweg unverkennbar. Mit geschlossenen Augen lag der Magiewirker der Nasrime vor ihnen auf dem Tisch, neben einem ähnlich großen und in eine Robe gehüllten männlichen Manori. Nairi schenkte ihm wenig mehr als einen flüchtigen Blick. Er war definitiv tot. Nur, galt das auch für den Totenbeschwörer? 

Es gab keinen Hinweis darauf, ob er noch lebte und sie bemerkte oder nicht. Ruckartig sah Nairi zum metallenen Stab hinüber. Der darauf liegende schwarze Stein strahlte inzwischen wieder gleichmäßig vor sich hin. Kaum hatte sie den Entschluss zum Handeln gefasst, erhob sich vom Tisch her eine raue ihr wohlbekannte Stimme. 

»Naaa ... iiiirii.« 

Dem Klang ihres Namens haftete etwas Unwirkliches an. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Sie spürte es sogar in ihrem momentanen Zustand und schaute erschrocken zurück. 

»Naiiiiriii.« 

Die Augen des Totenbeschwörers öffneten sich langsam. Er drehte den Kopf in ihre Richtung. Seine milchig weiß getrübten Augen mit der schwarzviolett glühenden Iris darin starrten sie an. 

»So sehen wir uns wieder. Etwas früher als ich erwartet habe, aber das ist egal.« 

Seine im alten Sanim gesprochenen Worte, die Sprache ihrer Ahnen, ließen Nairi erschaudern. Sie schluckte schwer. Zu mehr war sie nicht in der Lage, dafür aber Lugaan. Er trat mit einer stoischen Selbstsicherheit auf den Totenbeschwörer zu. 

»Tu, weshalb wir hier sind«, forderte der Schamane sie leise auf, während sich der Untote langsam aufrichtete. »Ich kümmere mich um den alten Mann.« 

Ein amüsiertes und zugleich widerlich klingendes Lachen erfüllte kurzzeitig den Saal. 

»Versuch dein Glück, Schamane, und stirb dabei. Nichts und niemand wird mich von meinen Vorhaben abhalten.« Eine Geste seiner fahlweißen Hand in Richtung des schwarzen Steins folgte. Sofort züngelten Flammen derselben Farbe wie das Glühen aus diesem hervor und umschlossen ihn. »Nimm den Stein, Nairi, wenn du kannst. Dir bleibt genau so viel Zeit, bis ich mit deinem Freund fertig bin.« 

Ob es diese aussichtslose Aufforderung oder Lugaans entschiedenes Auftreten war, wusste Nairi im Nachhinein nicht mehr zu sagen, aber ihre Starre löste sich. Sie ging auf den Stein zu, ohne sich noch einmal zu den beiden ungleichen Kontrahenten umzusehen. Den Kampf konnte Lugaan nur verlieren, soviel war ihr klar. Doch Nairi wollte das bisschen Zeit nutzen, das er ihr verschaffen konnte, und zwar erfolgreich. Sie musste das verdorbene Makra, das den Stein umgab, nicht spüren, um zu wissen, dass es sie bei jeder noch so kleinen Berührung verzehren würde. 

Der Totenbeschwörer spielte mit ihnen, so wie er es schon einmal getan hatte. Festentschlossen, ihm die Quelle seiner Macht trotzdem zu entreißen, zog Nairi das runenverzierte Kistchen unter ihrer Weste hervor, öffnete es und trat gegen den metallenen Stab. Der Stein fiel genau in ihre Richtung und landete im Innern des magisch verstärkten Behältnisses. Lautstark kullerte ihr Fang von einer Seite zur nächsten. Erleichtert atmete Nairi auf, erstaunt darüber, wie leicht es doch war, zu leicht, wie sie unmittelbar darauf feststellte. 

Der Stein lag noch nicht ganz bewegungslos in der Kiste, da züngelten die Flammen daran entlang und fraßen sich in Windeseile durch das Holz. Geistesgegenwärtig ließ Nairi das Behältnis los. Es fiel mit einem dumpfen Aufprall zu Boden und löste sich mitsamt den Runen vor ihren Augen auf. Entgeistert starrte sie den in schwarzviolette Flammen gehüllten Stein an, unter dem ein Häufchen Asche lag. 

Ein hämisches Lachen drängte sich ihr aufmerksamkeitsheischend von der Seite her auf. Lugaan stand wie versteinert vor dem Totenbeschwörer. Dessen ausgestreckte Hand zeigte direkt auf ihn. Quälend langsam ballten sich die spinnengliedrigen Finger zu einer grotesk wirkenden Faust und zwangen den Schamanen in die Knie, bis er schließlich in sich zusammensackte und regungslos am Boden liegen blieb. 

»So, und nun zu dir.« Ruckartig sah Nairi auf und starrte in das Gesicht mit den violettstichigen Pupillen. »Du hast versagt, obwohl du schlau gehandelt hast«, schnarrte der Totenbeschwörer selbstzufrieden. »Doch jetzt gehörst du mir.« 

»Nein ... nein.« 

Entsetzt wich Nairi zurück, blieb jedoch nach wenigen Schritten stehen, da ein Stechen, begleitet von einer schneidend kalten Stimme, ihren Kopf durchfuhr. Nicht zum ersten Mal sah sie sich dieser Art von Angriff ausgesetzt, aber dieser wirkte sich zusätzlich auf ihren Körper aus und hielt ihn in einer Starre gefangen. Verzweifelt versuchte Nairi, ihren Geist zu verschließen, um so den Vorstoß des Totenbeschwörers in selbigem zu unterbinden. 

»Wehr dich. Ja, wehr dich. Versüß mir meine Tat«, verhöhnte er sie und lachte kurz, »denn am Ende wirst du den von mir vorbestimmten Platz als williges Werkzeug einnehmen, genau wie all die anderen, die in den Kammern des Labyrinths auf ihre Erweckung warten.« 

Trotz all der Anstrengung, die Nairi unternahm, gelang es ihr nicht zu verhindern, dass sich die Stimme des Totenbeschwörers einer Klinge gleich in ihr Bewusstsein schnitt. Er zog eine Spur von Bildern hinter sich her, die ihren Geist drohten zu vergiften und von unaussprechlichen Gräueltaten zeugten, die er versuchte, ihr aufzuzwingen. 

Starr und mit geweiteten Augen stand Nairi vor ihm, sah dieses hämische Grinsen, das seinen zu einem schmalen Strich geformten dunklen Lippen entsprang. Sie konnte genauso wenig gewinnen wie Lugaan vor ihr. Im Angesicht ihrer sinnlosen Gegenwehr und nachlassenden Kraft entschied Nairi sich dazu, aufzugeben. Bevor sie jedoch dazu kam, tauchte wie aus dem Nichts seitlich hinter dem Totenbeschwörer eine Gestalt auf. 

»Versuch dich mal an jemanden mit angemessener Stärke!« 

Nur mit Mühe verstand Nairi die Worte, die ebenfalls im alten Sanim durch den Saal hallten. Dafür nahm sie die blausilbernen Augen umso intensiver wahr, die als einziges Merkmal in dem vermummten Gesicht deutlich zu erkennen waren. Nasenrücken und Augenlider deuteten auf eine ebenso schwarze Färbung hin wie sie der Kleidung dieser verhüllten Gestalt zu eigen war. Schlagartig zog sich die sie marternde Stimme aus ihrem Kopf zurück. Der körperliche Zwang, der Nairi an jeder eigenständigen Bewegung hinderte, verschwand ebenso. Sofort gaben ihre Beine nach. Sie sank neben Lugaan zu Boden und blieb sitzen. 

Die Taubheit ihres Körpers erschwerte es ihr, sich nach dieser Attacke sofort wieder zu erheben. Während sie sich damit abmühte die Kontrolle wiederzuerlangen, entbrannte ein Kampf zwischen dem Vermummten und dem Totenbeschwörer. Seinen fahlweißen spinnengliedrigen Fingern entsprangen rasend schnell tentakelartige Auswüchse reinsten Makras in schwarzvioletter Farbe und schossen auf sein Gegenüber zu, das trotz der gefährlichen Situation leichtfüßig, beinahe spielerhaft auswich. 

»Ich wusste, man kann euch Schattenläufern nicht trauen«, sprach der Totenbeschwörer in beunruhigender Gelassenheit, ohne seine Stimme groß zu erheben, »und erst recht nicht dir, Arlen.« 

Mühsam fand Nairi wieder zu sich. Mehr als kleine Bewegungen brachte sie noch nicht zustande. Diese reichten allerdings aus, um eine angenehmere Position einzunehmen. Derweil verfolgte sie wie gebannt den einseitig verlaufenden Kampf in der Nähe. Der Fremde mit den silberblauen Augen wich immer wieder vor den zustoßenden Tentakeln zurück, die versuchten sich um seine Arme, Beine oder den Oberkörper zu schlingen. 

»Hast du mich deswegen gestört, Arlen? Für nichts und wieder nichts? Wenn du stehen bleibst, dann erlöse ich dich kurz und schmerzvoll.« 

Bei diesen Worten, auf die keine Antwort folgte, realisierte Nairi, dass sich beide beträchtlich von ihrer Position entfernt hatten. Offenbar führte der Fremde den Totenbeschwörer zielsicher von ihr fort. Kopfschüttelnd wollte sie den Gedanken beiseiteschieben. Das war einfach zu absurd und doch erkannte sie darin eine Möglichkeit, von hier zu fliehen. Der Weg zum Gang, in dem Kadvos und Tirea gestanden hatten, war frei. Sie musste nur aufstehen und laufen. Aber das war einfacher gesagt als getan. Noch immer schaffte Nairi es nicht, sich zu erheben. 

Zweifel beschlichen sie, ob ihr das überhaupt früh genug gelingen würde. Der Kampf dauerte bestimmt nicht ewig. Mit der aufkommenden Resignation ihrer Gedanken kämpfend schaute sie zur Seite, wo der Stein lag, noch immer umhüllt von den unheilverkündenden schwarzvioletten Flammen. Ihr Blick weiter zu Lugaan. Seine weit geöffneten Augen verrieten den Schrecken zum Zeitpunkt seines Todes und erinnerten sie an das Opfer, das er ihretwegen gebracht hatte. 

Das darf nicht umsonst gewesen sein. 

Verbissen hielt Nairi sich an dem Gedanken fest, sah zurück zu den beiden Kämpfenden. Allmählich wandte sich das Blatt. Der Fremde mit den silberblauen Augen wurde in eine Ecke gedrängt. Mit einem herrischen Murren verbannte Nairi die sie lähmenden Gedanken und konzentrierte sich auf ihren Körper. Nur durch reine Willenskraft schaffte sie es schließlich, die Distanz von zwei Armlängen, die zwischen ihr und dem Tisch lagen, kriechend und Stück für Stück hinter sich zu bringen. Dort ergriff Nairi die Kante und stemmte sich daran empor, bis sie auf wackeligen Beinen dastand. 

Zur selben Zeit erklang ein wütender Aufschrei. Er hörte sich an, als wäre er nicht von dieser Welt. Erschrocken zuckte sie zusammen, schaute sich um und sah den Totenbeschwörer in gekrümmter Körperhaltung ein paar Schritte vor dem Fremden zurückweichen. In dessen Händen blitzten zwei metallene Klingen auf, verziert mit silberblau geschwungenen Linien an den Schneiden. Die schwarzvioletten Tentakel waren verschwunden. 

Runen. 

Im Zuge dieser Erkenntnis traf sie der Blick des Fremden. 

»Geh, jetzt!«, rief er ihr bestimmend entgegen. Irritiert über diese Aufforderung starrte Nairi ihn an. Wer war das bloß? Wieso kam er ihr zu Hilfe? »Verschwinde! Und finde Landir!« 

Der Befehlston seiner erneuten Aufforderung fuhr wie ein Blitz durch ihren Körper. Zusammen mit Landirs Erwähnung kehrte genügend Kraft und Geistesgegenwart in Nairi zurück. Sie wandte sich ab und eilte los, trotz des Gefühls von Unsicherheit in den Beinen. 

»Nein! Das wirst du ni…« 

Die Stimme des Totenbeschwörers versagte genauso schnell, wie er aufbegehrte. Nairi widerstand dem Reflex zurückzusehen und verließ sich auf ihren Helfer, der den Untoten hoffentlich erfolgreich von ihr fernhielt. Zumindest die neu entbrannten Kampfgeräusche zeugten von dem anfänglichen Erfolg dieses Vorhabens. Vom Wunsch beseelt, nur noch von hier nur zu verschwinden, lief Nairi wankend auf den anvisierten Durchgang zu, in der Hoffnung dort irgendwo noch auf Kadvos und Tirea zu treffen.

 


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